Mil Wetterdienst (diverse Geschichten aus alten Zeiten)
Vorbemerkung: Die Bilder in diesem Bericht stammen aus über 40 Jahre alten Diapositiven, welche digitalisiert wurden. Sie können deshalb bezüglich Bildqualität nicht mit modernen Handy-Fotos mithalten. Text und Bilder: © Thomas Spahni.
Das internationale Feldexperiment ALPEX von 1981/1982
Vom 1. September 1981 bis zum 30. September 1982 gelangte im Alpenraum
das internationale Feldexperiment ALPEX zur Durchführung. Es hatte zum
Ziel, zusätzliche Messdaten für die Untersuchung des Einflusses von Gebirgen
auf die atmosphärische Zirkulation bereitzustellen. Aus Aufwandgründen
musste die Mehrzahl der Spezialmessungen auf eine besondere
Beobachtungsperiode (Special Observing Period = SOP) in den Monaten März und
April 1982 konzentriert werden.
Zu den wichtigsten ALPEX Messdaten gehören die Daten der
Radiosondierungen. 34 Stationen wurden speziell für ALPEX eingerichtet und
15 reguläre Stationen führten zusätzliche Aufstiege aus. In der Schweiz
wurde die zusätzliche Sondierungsstation vom Armeewetterdienst gestellt und
unter harschen Bedingungen auf dem Gütsch bei Andermatt auf 2287 müM
eingerichtet.
Im November 1981 begab sich ein erstes Detachement zum Gütsch. Die Aufgabe war, die Station im Wachthaus auf einer Höhe von 2'287 Meter über Meer einzurichten, inklusive Material- und Wasserstoffvorräte, und den Sondierungsbetrieb zu testen. Dies umfasste auch einen zeitlich beschränkten Testbetrieb mit einem Sondenaufstieg alle 3 Stunden.
Blauer Himmel, wenig Schnee, kein Wind. Das war nur die Werbekampagne der Natur zum Einstieg, eine kleine Aufmunterung sozusagen. Das Wetter entschied sich schon bald, richtig Wetter zu spielen, mit Kälte, Wolken, Nebel und Wind. Und selbstverständlich mit viel Neuschnee. Am Ende blieb sogar der Lastwagen auf dem Gütsch oben stehen, weil die Strasse runter nach Andermatt nicht mehr passierbar war und nach dem Wintereinbruch auch nicht mehr geräumt wurde. Die Rückreise zur Zivilisation am Ende des Einsatzes machten wir dann auf Skiern.
Parallel zur Vorbereitung des Ballons werden die Messwerte der Sonde
kontrolliert und mit den Bodenmesswerten verglichen. Zudem wird über Funk
mit der Crew im Auswerteraum des Peilers sichergestellt, dass der Empfang
des Sondensignals in Ordnung und auch sonst alles bereit ist.
Wie gesagt, der blaue Himmel war auf dem Gütsch nicht der
Normalzustand. Die Sondenstarts erfolgten oben auf einem kleinen Plateau
beim sogenannten Funkhaus. Nach massivem Schneefall wurde von der Unterkunft
im Wachthaus nach oben zum Startplatz beim
Funkhaus
auf 2'325 müM und weiter zum Peiler mit Stecken und Seil ein Weg markiert,
damit man auch nachts und im dicken Nebel zum Startplatz gelangen konnte.
Oben auf dem Grat sieht man neben dem permanent installierten grossen Mast
der damaligen SMA die Antenne des Peilers P-760.
Für die Vorbereitung der Sonden gab es einen schmalen Tisch mit einem behelfsmässig eingerichteten Telefon. Hinter dem Tisch war das Lager für den Wasserstoff.
Jede der schweren Wasserstoffflaschen musste jeweils zu zweit zum Startplatz hinaus getragen werden, und von dort dann auch wieder zurück.
Das An- und Abbinden am Gummistutzen des Ballons ist schwierig und geht sehr schlecht mit Handschuhen. Es geht aber bei -16°C genauso schlecht ohne Handschuhe. Hier werden beide Varianten gleichzeitig angewendet. Man beachte: Die Hände des Kollegen rechts sind nur am Schlauch und am Ballongummi, nicht aber am metallenen Füllstutzen.
Wenn komprimiertes Gas entspannt wird, dann kühlt es sich ab. Das Messingteil mit dem Ventil am oberen Ende der Gasflasche ist nach dem Befüllen des Ballons sehr kalt. Deshalb ist es eine schlechte Idee, die Flasche mit blosser Hand am Messinghals beim Flaschenventil zu packen, um sie nach der Ballonfüllung wegzuräumen. Der Kollege, der das unglücklicherweise versucht hat, weiss warum. Man kriegt zwar mit Gewalt die Hand wieder vom Messing weg, aber die Haut bleibt an der Flasche.
Der Wetterballon wird beim Füllen und bis zum Start in einem Netz gehalten. Das funktioniert auch bei starkem Wind recht ordentlich. Der erfahrene Wettersoldat schwingt nebenbei mit der rechten Hand ein Schleuder-Psychrometer. Damit wird sowohl die Lufttemperatur als auch die Taupunktdifferenz gemessen, woraus sich die Luftfeuchtigkeit berechnen lässt. Anhand dieser Werte wird vor dem Start überprüft, ob die Wettersonde präzise Messwerte liefert.
Alles ist bereit. Jetzt wird noch der Startzettel ausgefüllt und es kann losgehen. Man beachte die Schnurrolle links unten neben der Wettersonde. Es handelt sich um die "Windstartvorrichtung 74". Normalerweise will man eine lange Schnur zwischen Ballon und Sonde. Die Sonde pendelt dann langsamer und kommt auch dem Fallschirm weniger ins Gehege, wenn der Ballon platzt. Für einen Start im Gebirge mit Wind geht das aber nicht. Deshalb benutzt man eine Rolle mit Abrollbremse, welche die Schnur nach dem Start nach und nach freigibt.
Wenn die Startzeit erreicht und alles bereit ist, entlässt der eine Kollege den Ballon aus dem Netz. Der andere hält die Wettersonde und lässt sie in dem Moment los, wo sich die Schnur zu spannen beginnt.
Jetzt gilt es, den Aufstieg im Auswerteraum des P-760 zu verfolgen und alle Daten zu erfassen. Das nächste Bild zeigt den Elektronikschrank, wie er im Jahre 1981 beim Betrieb auf dem Gütsch ausgesehen hat. Später gab es zahlreiche Änderungen.
Unterhalb des Elektronikschranks befand sich der Honeywell Computer, der die Auswertung der Aufstiegsdaten besorgte. Mit den flip-flop Schaltern konnte man unter anderem den Bootloader im Oktalsystem wieder manuell eingeben, wenn zum Beispiel der magnetische Ringkernspeicher nach einer Fahrt über einen holprigen Feldweg sein Gedächtnis verloren hatte.
Rechts neben dem Elektronikschrank hatte es einen Telex-Apparat im Auswerteraum des P-760. Das war das Ein- und Ausgabegerät für den Honeywell Computer und ersetzte den fehlenden Bildschirm. Man konnte auch über den Lochstreifenleser Programme in den Computer einlesen.
So also wurden während des ALPEX Experiments auf dem Gütsch Ballonsondenaufstiege gemacht und Wetterdaten erfasst. Es war ein schönes, aber teilweise auch anstrengendes Erlebnis für alle Beteiligten.